Die Dreieinigkeit und der Koran

Der Glaube an den dreieinen Gott stellt einen wesentlichen Unterschied in der Lehre über Gott im Christentum und im Islam dar. Wir wollen uns deswegen mit den Aussagen des Koran zu dieser christlichen Lehre auseinandersetzen. Es geht uns hier nicht um eine umfassende Darlegung der christlichen Lehre der Dreieinigkeit, sondern darum, zu prüfen, wie weit die Aussagen des Koran überhaupt die christliche Lehre betreffen.

Wir wollen uns die wichtigsten Koranstellen zu diesem Thema anschauen und unter folgenden Gesichtspunkten betrachten:

1. Die Texte

Es sind vor allem folgende Abschnitte, die sich direkt oder indirekt mit der Dreieinigkeit beschäftigen:

O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüberbrachte, und ein Geist von Ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch. Gott ist doch ein einziger Gott. Preis sei Ihm, und erhaben ist Er darüber, dass Er ein Kind habe. Er hat, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Und Gott genügt als Sachwalter. (Sure 4,171)

Ungläubig sind diejenigen, die sagen: “Gott ist Christus, der Sohn Marias”, wo doch Christus gesagt hat: “O ihr Kinder Israels, dienet Gott, meinem Herrn und eurem Herrn.” Wer Gott (andere) beigesellt, dem verwehrt Gott das Paradies. Seine Heimstätte ist das Feuer. Und die, die Unrecht tun, werden keine Helfer haben. Ungläubig sind diejenigen, die sagen: “Gott ist der Dritte von Dreien”, wo es doch keinen Gott gibt außer einem einzigen Gott. Wenn sie mit dem, was sie sagen, nicht aufhören, so wird diejenigen von ihnen, die ungläubig sind, eine schmerzhafte Pein treffen. (Sure 5,72-73)

Und als Gott sprach: “O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: ‘Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?’ “
“Ich habe ihnen nichts anderes gesagt als das, was Du mir befohlen hast, nämlich: ‘Dienet Gott, meinem Herrn und eurem Herrn.’ Ich war Zeuge über sie, solange ich unter ihnen weilte. Als Du mich abberufen hast, warst Du der Wächter über sie. Und Du bist über alle Dinge Zeuge.” (Sure 5,116-117)

Und sie sagen: “Der Erbarmer hat sich ein Kind genommen.” Ihr habt da eine ungeheuerliche Sache begangen. Die Himmel brechen bald auseinander, und die Erde spaltet sich, und die Berge stürzen in Trümmern darüber, dass sie dem Erbarmer ein Kind zuschreiben. Es ziemt doch dem Erbarmer nicht, sich ein Kind zu nehmen. Niemand in den Himmeln und auf der Erde wird zum Erbarmer anders denn als Diener kommen können. (Sure 19,88-93)

Gott hat sich kein Kind genommen. Und es gibt keinen Gott neben Ihm, sonst würde jeder Gott das wegnehmen, was Er geschaffen hat, und die einen von ihnen würden sich den anderen gegenüber überheblich zeigen. Preis sei Gott, (der erhaben ist) über das, was sie da schildern. (Sure 23,91)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Sprich: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Undurchdringliche. Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm ebenbürtig. (Sure 112)

2. Gott, ein Dritter von Dreien?

Völlig zu Recht werden in Sure 5,73 die als ungläubig bezeichnet, die sagen: “Gott ist der Dritte von Dreien.” Für Christen sind auch Menschen, die Gott den Ersten von Dreien nennen, ungläubig. Gott ist einzigartig und unvergleichbar. Er ist der Schöpfer, der einzig Ewige, ohne Anfang, ohne Ende.

Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. (Deuteronomium 6,4-5)

So spricht der HERR, der König Israels und sein Erlöser, der HERR der Heerscharen: Ich bin der Erste und bin der Letzte, und außer mir gibt es keinen Gott. […] Und ihr seid meine Zeugen: Gibt es einen Gott außer mir? Es gibt keinen Fels, ich kenne keinen. (Jesaja 44,6.8)

Dem König der Zeitalter aber, dem unvergänglichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen (1 Timotheus 1,17)

Der Glaube an den dreieinen Gott ist nicht ein Glaube an drei Götter, unter denen Gott einer von Dreien ist, ob er nun der Erste, der Zweite oder der Dritte sein mag. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind nicht drei voneinander losgelöste Wesen, sondern es ist ein einziger, ewiger Gott, dessen innerstes Wesen Liebe und Hingabe ist, und der sich deswegen als der dreieine, als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist zu erkennen gegeben hat.

Vielleicht kann ein unvollkommenes Bild aus der Schöpfung hilfreich sein. Wenn wir von der Sonne sprechen, denken wir an den Himmelskörper, um den sich unser Planet, die Erde, bewegt. Wir können aber auch an die Strahlen denken, die von der Sonne ausgehen, und uns Licht und Wärme schenken. Heißt das nun, dass es drei Sonnen gibt: den Himmelskörper, die Sonnenstrahlen und die von ihnen bewirkte Wärme? Dieses Bild ist unvollkommen, da es sich bei der Sonne, den Strahlen und bei deren Wirkung um unpersönliche, geschaffene Wesen handelt. Gott, der ewige Schöpfer, ist aber keine tote, unpersönliche Materie. Er ist das Leben, er ist die Liebe. Wenn wir Christen an den dreieinen Gott glauben, bekennen wir den einen Gott als den, der in seinem innersten Wesen Leben, Liebe, überströmende Dynamik ist. Dieses tiefste Wesen hat er auch dadurch ausgedrückt, dass der Ewige in Jesus Christus Mensch geworden ist, dass er durch seinen Heiligen Geist unser Leben prägt und erneuert. Er verändert uns zu heiligen, Gott wohlgefälligen Menschen, dass seine Liebe in der Liebe von Brüdern und Schwestern, die ein Herz und eine Seele sind, sichtbar wird.

Da innerhalb des dreieinen Gottes der Vater der Ursprung des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, meint der Ausdruck “Gott” im Neuen Testament oft den Vater. Der Sohn und der Heilige Geist empfangen ihr ewiges Gottsein von ihm. Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass der Vater der Erste von drei Göttern ist. Er ist innerhalb des einen Gottes der Ursprung des Gottseins, so wie der Sonnenball der Ursprung der Sonnenstrahlen, des Lichtes und der Wärme ist, ohne dass wir von mehreren Sonnen sprechen.

Wenn wir von einem “Ursprung” in Gott sprechen, meinen wir nicht einen zeitlichen Ursprung, sodass zuerst nur der Vater gewesenwäre, und der Sohn und der Heilige Geist zeitlich später entstanden wären. Im ewigen Gott kann es kein zeitliches “Früher” oder “Später” geben. Das Wort “Ursprung” soll zum Ausdruck bringen, dass der Sohn und der Heilige Geist (durch den Sohn) in Ewigkeit aus dem Vater hervorgehen.1

Wir glauben nicht an drei Götter. Die Lehre, die von Sure 5,73 zurückgewiesen wird, ist nicht die christliche. Es stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass im Koran die Lehre, die zurückgewiesen werden will, offensichtlich nicht richtig erfasst wurde.

3. Jesus – ein Gott neben Gott?

In Sure 5,116 wird vorausgesetzt, dass Christen sowohl Jesus als auch Maria als zwei Götter neben Gott verehren. Die Stellung Marias wollen wir unter Punkt 7 dieser Arbeit behandeln. Was Jesus betrifft, so glauben wir Christen, dass er Gott ist, der für uns Mensch geworden ist. Doch glauben wir NICHT, dass Jesus ein zweiter Gott neben dem ewigen Schöpfer des Universums ist, wie Sure 23,91 vermuten lässt, wo der Schluss gezogen wird, dass im Falle, dass Gott einen Sohn hätte, dieser dessen Konkurrent sein müsse.

Jesus ist nicht ein Gott neben dem Vater. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ein Gott in unzertrennbarer Einheit. Diese unzertrennbare Verbundenheit zwischen dem Vater und dem Sohn drückt Jesus so aus:

Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. (Johannes 14,9)

Das heißt nicht, dass Jesus der Vater ist. Aber die Verbundenheit zwischen Jesus und dem Vater ist so tief, dass wir in der Begegnung mit Jesus Gott in seiner Fülle begegnen.

Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. (Kolosser 2,9)

Das war nicht nur die Lehre von Paulus, sondern Jesus selbst hat bezeugt:

Alles, was der Vater hat, ist mein. (Johannes 16,15)

Ein bloßer Mensch wäre niemals fähig, die Fülle Gottes (alles, was der Vater hat), als das Seine zu haben. Daher drückt Jesus mit diesen Worten aus, die Fülle Gottes in sich zu tragen.

Deswegen konnte Jesus auch die Ehre beanspruchen, die allein Gott gebührt:

[...] damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat. (Johannes 5,23)

Wenn Jesus diese Ehre beansprucht hat, dann nicht deswegen, weil er sich in frevelhafter Weise zu einem Gott gemacht hat, sondern weil ihm kraft seiner ewigen, göttlichen Natur diese Ehre gebührt. Wir sehen es auch darin, dass der Vater die Worte Jesu durch zahlreiche Wunder bestätigt.

Wir wissen, dass Gott Sünder nicht hört, sondern wenn jemand gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den hört er. (Johannes 9,31)

Die deutlichste Bestätigung des göttlichen Anspruchs war die Auferstehung Jesu. Das wurde auch von den Jüngern klar verstanden, sodass etwa Thomas, als ihm der auferstandene Jesus erschien, zu Jesus sprach:

Mein Herr und mein Gott! (Johannes 20,28)

Jesus wies diese göttliche Huldigung nicht zurück, ganz im Gegenteil: Er akzeptierte sie und betrachtete sie als Zeichen des Glaubens des zuvor ungläubigen Jüngers:

Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben! (Johannes 20,29)

Im Buch der Offenbarung können wir lesen, dass Johannes einem Engel, dessen Herrlichkeit er schauen durfte, seine Huldigung darbringen wollte. Der Engel hat das strikt zurückgewiesen, da diese Ehre nur Gott gebührt.

Und ich fiel zu seinen Füßen nieder, ihm zu huldigen.2 Und er spricht zu mir: Siehe zu, tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! Denn das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung. (Offenbarung 19,10)

Jesus hat es zugelassen und als gut gesehen, dass Thomas ihn seinen Herrn und Gott nennt. Er hat anders reagiert als der Engel, den Johannes gesehen hat. Er hat es deswegen getan, weil ihm diese Ehre gebührt. Er ist aber kein zweiter Gott neben Gott. Er ist das Wort des einzigen Gottes, der für uns Mensch geworden ist:

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14)

Mehr dazu unter Punkt 5.

4. Ein gezeugter Gott?

Er hat nicht gezeugt, und Er ist nicht gezeugt worden, und niemand ist Ihm ebenbürtig.

So lautet die Kernaussage der Sure 112. Wenn auch manche westliche Gelehrten betonen, dass sich diese Sure nicht gegen das Christentum richtet, sondern gegen den heidnischen Polytheismus, der Allah eine Gefährtin und Kinder zugeschrieben hat, so verwenden doch viele Muslime diesen Text, um den christlichen Glauben der Vielgötterei zu bezichtigen. Auch für Christen ist der Gedanke, dass sich Gott eine Gefährtin genommen habe, um mit ihr Kinder – oder auch Jesus – zu zeugen, eine Lästerung des heiligen Gottes. Es kommt leider immer wieder vor, dass Muslime Derartiges über den christlichen Glauben an Jesus als den Sohn Gottes annehmen. Die Liebe zur Wahrheit, ohne die wir nicht gerettet werden können, führt jeden dazu, sich um ein objektives Bild auch einer Lehre, die man ablehnt, zu bemühen.

Gott zeugt nicht gemeinsam mit einer Göttin einen dritten Gott! Gott zeugt nicht einen Gott außerhalb seiner selbst! Es gibt nur einen Gott und kann nur einen Gott geben!

Wenn das Evangelium nun Jesus den “einzig gezeugten Gott” nennt (Johannes 1,183 ), so ist das kein anderer Gott. Wir glauben nicht, dass Gott zuerst allein war und dann einen Sohn gezeugt hat. Wir glauben, dass innerhalb der einen, unteilbaren Gottheit der Vater, der Sohn und der Heilige Geist gleich ewig, gleich allmächtig, gleich allwissend sind. Der Begriff der “Zeugung” weist darauf hin, dass der Sohn dasselbe göttliche Wesen wie der Vater hat. Wenn ein Mensch zeugt, entsteht ein Mensch. Was Gott zeugt, ist Gott. Aber das ist nicht ein anderer Gott. “Zeugung” bedeutet hier, den ewigen Hervorgang des Sohnes aus dem Vater. Das ist kein zeitlicher Prozess. Gott ist ewig. Was in Gott geschieht, ist ewig, ohne Anfang, ohne Ende. Innerhalb des einen göttlichen Wesens verdankt sich der Sohn ganz dem Vater. Aber der Vater war nie ohne den Sohn, obwohl der Sohn aus ihm hervorgeht. Um wieder zum Bild der Sonne zurückzukehren: Die Sonne gab es nie ohne ihre Strahlen. Vom allerersten Moment ihrer Existenz hat sie gestrahlt. In ähnlicher Weise geht seit aller Ewigkeit bis in alle Ewigkeit der Sohn aus dem Vater hervor.

Wenn wir in Sure 19,88-93 die tiefe Empörung über den Gedanken, dass Gott sich “ein Kind genommen habe” sehen, dass sogar “die Himmel auseinanderbrechen, die Erde sich spaltet, und die Berge in Trümmern darüber stürzen”, können wir als Christen diese Empörung nur teilen. Gott hat sich nicht “ein Kind genommen”. Er selbst ist in Jesus zu uns gekommen, der Gottes Wort in Person ist.

5. Jesus, das Wort Gottes

Sure 4,171 macht über Jesus folgende bemerkenswerte Aussage:

Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüber brachte, und ein Geist von Ihm.

Wir finden hier drei Ausdrücke für Jesus: der Gesandte Gottes, sein Wort, ein Geist von ihm. Wir wollen uns hier vor allem mit der Bezeichnung “Wort” beschäftigen. Gott hat sein Wort “zu Maria hinüber gebracht”. Jesus ist dieses Wort. Ähnliche Aussagen finden wir auch noch in Sure 3,45:

Als die Engel sagten: “O Maria, Gott verkündet dir ein Wort von Ihm, dessen Name Christus Jesus, der Sohn Marias, ist; er wird angesehen sein im Diesseits und Jenseits, und einer von denen, die in die Nähe (Gottes) zugelassen werden.”

und in Sure 19,34:

Das ist Jesus, der Sohn Marias. Es ist das Wort der Wahrheit, woran sie zweifeln.

Muslime versuchen, diese Verse oft so zu deuten, dass nicht Jesus das Wort sei, sondern dass es um das schöpferische Wort Allahs gehe, das Jesus hervorgebracht habe. In den Suren 4 und 3 scheint es aber klar zu sein, dass Jesus derjenige ist, der als das Wort bezeichnet wird. Der Koran nimmt hier eine Tradition auf, die auf die Offenbarung Gottes im Neuen Testament zurückgeht, wo Johannes am Anfang seines Evangeliums über das ewige Wort Gottes, das Mensch geworden ist, schreibt.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. […] Das war das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet. Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an; so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Geblüt, auch nicht aus dem Willen des Fleisches, auch nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. – Johannes zeugt von ihm und rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir geworden, denn er war eher als ich. – Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott jemals gesehen; der einzig gezeugte Gott, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht. (Johannes 1,1-5.9-18)

Wir wissen, dass nicht alle Aussagen, die das Johannesevangelium über das Wort macht, für Muslime nachvollziehbar sind, vor allem die Aussage, dass das Wort Gott war. Aber es ist auch für Muslime klar, dass Gott die Welt durch sein Wort geschaffen hat, wie es etwa in Sure 2,117 ausgedrückt wird:

Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: Sei!, und sie ist.

Wenn Gott ewig ist, dann ist es auch sein Wort. Deswegen glauben viele Muslime ja auch, dass der Koran ewig sei, dass die “Mutter des Buches” ohne Anfang und ohne Ende bei Gott verwahrt sei, ohne aber zu sagen, dass dieses ewige Buch Gott sei4 . Das führt aber notwendigerweise zur Annahme zweier absolut ewiger Wesen ohne Anfang und ohne Ende: Gott und die “Mutter des Buches”.

Wir Christen glauben, dass Gottes Wort nicht von Gott getrennt werden kann, dass sein Wort teilhat an seinem ewigen Wesen. Sein Wort ist nicht sein Geschöpf, es ist nicht “etwas” außerhalb Gottes, es ist Ausdruck seines unendlichen, unvergänglichen Wesens. Es ist auch nicht ein Buch aus Buchstaben, sondern genauso lebendig wie Er, der das Wort spricht. Gott hat sein ewiges, unveränderliches Wort nicht in der Form eines Buches auf die Erde gesandt, sondern Sein Wort ist Mensch geworden und hat uns die Herrlichkeit Gottes, seine Gnade und Wahrheit ganz nahe gebracht. Jesus, der das Mensch gewordene Wort Gottes ist, wird von uns nicht Gott beigesellt. Wenn wir Ihn verehren, verehren wir den einen unteilbaren, ewigen Gott, den einzigen Schöpfer des Universums.

6. Rebellion oder Liebe?

Gott hat sich kein Kind genommen. Und es gibt keinen Gott neben Ihm, sonst würde jeder Gott das wegnehmen, was Er geschaffen hat, und die einen von ihnen würden sich den anderen gegenüber überheblich zeigen. Preis sei Gott, (der erhaben ist) über das, was sie da schildern […] (Sure 23,91)

Nach dem Koran bedeutet also der Glaube an einen Sohn Gottes den Glauben an zwei miteinander konkurrierende Götter. Der eine Gott würde sich über den anderen erheben. Hätte Gott einen Sohn, dann gäbe das eine Rebellion im Hause Gottes. Der Wille zur Macht dominiert.

In der Bibel offenbart sich Gott als derjenige, der die Liebe ist:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1 Johannes 4,16)

Da Gottes Wesen Liebe ist, ist auch die Beziehung zwischen den göttlichen Personen nichts anderes als reine Liebe.

Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. (Johannes 3,35)

Im dreieinen Gott gibt es nicht Konkurrenz, in der sich jeder das Seine nimmt, sondern:

[...] und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, mein [...] (Johannes 17,10a)

Gottes Wesen, die Liebe, widerspiegelt sich auch in denen, die an den Gott der Liebe glauben, in denen, die Jesus nachfolgen:

Und Wir setzten in die Herzen derer, die ihm (Jesus) folgten, Mitleid und Barmherzigkeit […] (aus Sure 57,27)

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Johannes 13,34-35)

[...] damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. (Johannes 17,21)

Die Menge derer aber, die gläubig wurden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam. (Apostelgeschichte 4,32)

7. Maria in der Dreieinigkeit?

Und als Gott sprach: “O Jesus, Sohn Marias, warst du es, der zu den Menschen sagte: ‘Nehmt euch neben Gott mich und meine Mutter zu Göttern?’”
“Ich habe ihnen nichts anderes gesagt als das, was Du mir befohlen hast, nämlich: ‘Dienet Gott, meinem Herrn und eurem Herrn.’ Ich war Zeuge über sie, solange ich unter ihnen weilte. Als Du mich abberufen hast, warst Du der Wächter über sie. Und Du bist über alle Dinge Zeuge.” (Sure 5,116-117)

Es ist eine traurige Tatsache, dass sich im Laufe der “Kirchengeschichte” Menschen, die sich “Christen” nannten, immer weiter von der Lehre Jesu Christi und seiner Apostel entfernt haben. So kam es durch Vermischung von christlichen und heidnischen Elementen auch zur Entstehung des “Marienkultes”. Die Mutter Jesu, die für uns ein großes Vorbild der Demut und Hingabe ist, wurde zu einem Kultobjekt hochstilisiert. Diese “Marienverehrung” hat mit der biblischen Maria nichts mehr zu tun. “Maria” wurde zum Adressaten von Gebeten gemacht. Sie erhielt Titel, die ihr trotz ihres Gehorsams und ihrer Heiligkeit nicht gebühren. Trotzdem behaupten auch die überzeugtesten “Marienverehrer” nicht, dass Maria eine Göttin oder ein Teil der Dreieinigkeit sei. Wenigstens in der Theorie wird der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf gewahrt. Die “Verehrung” Marias, so falsch und widergöttlich sie auch ist, wird auch von den “Marienverehrern” von der Anbetung Gottes und Jesu Christi unterschieden. Die Frage in Sure 5,116 entbehrt also jeder Grundlage und setzt eine Vorstellung des Christentums voraus, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Es mag schon sein, dass ein oberflächlicher Beobachter des 7. Jahrhunderts – auch des 21. Jahrhunderts – aus der Praxis mancher “Christen” schließen könnte, dass hier Maria zum göttlichen Wesen erhoben wird. Aber das ist nicht und war nie Inhalt der christlichen Lehre der Dreieinigkeit, auf die dieser Vers offensichtlich abzielt.

8. Der Heilige Geist

Es ist interessant, dass die christliche Lehre über den Heiligen Geist im Koran offensichtlich nicht reflektiert wird. Das mag damit zusammenhängen, dass Muhammad und die frühen Muslime vermutlich nur häretische Formen des Christentums kennengelernt haben. Im Koran selber kommt der “Geist Gottes” schon vor, und zwar in unterschiedlicher Bedeutung.

a) In Bezug auf alle Menschen:

  • Bei der Schöpfung blies Gott seinen Geist in die Menschen:

Wenn Ich ihn geformt und ihm von meinem Geist eingeblasen habe, […] (Sure 15,29)

  • Die Gläubigen werden durch den Geist gestärkt:

[...] In deren Herzen hat Er den Glauben geschrieben und sie mit einem Geist von sich gestärkt. [...] (Sure 58,22)

b) In Bezug auf Jesus:

  • Der Geist Gottes (Gabriel) wurde zu Maria gesandt:

Sie nahm sich einen Vorhang vor ihnen. Da sandten Wir unseren Geist zu ihr. Er erschien ihr im Bildnis eines wohlgestalteten Menschen. (Sure 19,17)

  • Gott blies seinen Geist in Maria:

Und (erwähne) die, die ihre Scham unter Schutz stellte. Da bliesen Wir in sie von unserem Geist, und Wir machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Weltenbewohner. (Sure 21,91)

Und (auch) Maria, die Tochter, Imraans, die ihre Scham unter Schutz stellte, worauf Wir in sie von unserem Geist bliesen. Und sie hielt die Worte ihres Herrn und seine Bücher für wahr und gehörte zu denen, die (Gott) demütig ergeben sind. (Sure 66,12)

  • Jesus ist Gottes Geist:

O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das Er zu Maria hinüberbrachte, und ein Geist von Ihm. (Sure 4,171)

  • Jesus wurde mit dem Geist der Heiligkeit gestärkt, z.B. in Sure 2,87:

[...] Und Wir ließen Jesus, dem Sohn Marias, die deutlichen Zeichen zukommen und stärkten ihn mit dem Geist der Heiligkeit. [...]

Ähnliche Stellen finden sich auch in Sure 2,2535 ; 5,1106 .

Weiters gibt es noch Stellen, in denen der Geist im Zusammenhang mit der Herabsendung des Koran erwähnt wird.

Unter den Stellen, die den Geist Gottes im Zusammenhang mit Jesus erwähnen, gibt es also keine einheitliche Vorstellung über den Geist Gottes. Er wird einerseits mit Gabriel identifiziert (19,17), andererseits wird die Zeugung Jesu als Einhauchen des Geistes Gottes in Maria dargestellt (21,91; 66,12). Hier kann mit dem Geist offensichtlich nicht Gabriel gemeint sein. Schließlich wird in Sure 4,171 Jesus selber als “Geist von Ihm” bezeichnet (in Parallele zum Begriff “Wort” – siehe oben). Wir finden hier offensichtlich noch Reste der biblischen Offenbarung, die von der Zeugung des Menschen Jesus durch den Geist Gottes spricht (Matthäus 1,18.207 ; Lukas 1,358 ), aber auch noch Spuren der christlichen Lehre über die göttliche Natur Jesu, wenn er als “Wort Gottes und Geist von Ihm” bezeichnet wird. Im Gegensatz zum Koran unterscheidet die Bibel und die auf der biblischen Offenbarung beruhende Lehre der Dreieinigkeit immer klar zwischen Jesus und dem Heiligen Geist, obwohl beide Anteil an derselben göttlichen Natur haben. So wird die Fülle des Wirkens des einen und einzigen Gottes im Wirken des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes sichtbar.

9. Schlussfolgerungen

Wir sehen, dass der Koran in einer gewissen Weise auf die christliche Lehre der Dreieinigkeit reagiert, und zwar ablehnend reagiert. Bei genauerer Betrachtung dieser Ablehnung wird aber sichtbar, dass eine genaue Kenntnis dessen, was abgelehnt wird, fehlt. Vor allem trifft der Vorwurf des Mehrgötterglaubens, oder dass in der christlichen Religion neben dem einzigen Gott noch anderen Wesen göttliche Verehrung dargebracht werden, ins Leere. Der christliche Glaube ist ein Eingottglaube. Der Glaube an den dreieinen Gott gesellt dem einzigen Gott und Schöpfer nicht andere Wesen bei, sondern weist auf das innere Wesen und Sein Gottes hin, der von Ewigkeit bis in Ewigkeit nur ein einziger, unendlicher, unveränderlicher, unteilbarer Gott ist. Wir Christen glauben, dass Jesus Christus das Mensch gewordene Wort Gottes ist. In ihm ist Gott selber zu uns gekommen, um uns in seiner Liebe aus unseren Sünden heraus zu rufen und umzuwandeln zu einem Leben, das ihn verherrlicht. Jesus ist das Wort Gottes für alle Menschen. Deswegen laden wir alle Menschen, auch Muslime, ein, dieses Wort Gottes, dessen Reden durch die Schriften des Neuen Testaments bezeugt wird, kennenzulernen, und so den einzigen Gott tiefer kennen und lieben zu lernen.

Der HERR ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Zuflucht, vor wem sollte ich erschrecken? (Ps 27,1)

Jesus redete nun wieder zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)

Und Wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. Und Wir ließen ihm das Evangelium zukommen, das Rechtleitung und Licht enthält und das bestätigt, was von der Tora vor ihm vorhanden war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. (Sure 5,46)

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Fußnoten:
  1. Siehe dazu Punkt 4 
  2. In diesem Zusammenhang hat das griechische Wort “proskyneo” die Bedeutung “huldigen”, und nicht “anbeten” (wie in der Elberfelder Übersetzung). Johannes war ein Monotheist und wollte den Engel keineswegs in einer Weise verehren, die nur Gott gebührt. Doch bereits diese Verehrung wurde vom Engel zurückgewiesen. 
  3. Niemand hat Gott jemals gesehen; der einzig gezeugte Gott, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht. Johannes 1,18 
  4. Das ist die Position der Sunniten, vergleiche dazu: The Uncreatedness of the Divine Speech – The Glorius Qur’an 
  5. […] Und Wir haben Jesus, dem Sohn Marias, die deutlichen Zeichen zukommen lassen und ihn mit dem Geist der Heiligkeit gestärkt […] aus Sure 2,253 
  6. Und als Gott sprach: “O Jesus, Sohn Marias, gedenke meiner Gnade zu dir und zu deiner Mutter, als Ich dich mit dem Geist der Heiligkeit stärkte, […] ” aus Sure 5,110 
  7. Mit dem Ursprung Jesu Christi verhielt es sich aber so: Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger befunden von dem Heiligen Geist. […] Während er dies aber überlegte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen! Denn das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geist. Matthäus 1,18.20 
  8. Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden. Lukas 1,35