Wer ist der, den Jesus ankündigt?

Und als Jesus, der Sohn Marias, sagte: “O Kinder Israels, ich bin der Gesandte Gottes an euch, um zu bestätigen, was von der Tora vor mir vorhanden war, und einen Gesandten zu verkünden, der nach mir kommt: sein Name ist Ahmad.” Als er nun mit den deutlichen Zeichen zu ihnen kam, sagten sie: “Das ist eine offenkundige Zauberei.” Sure Aş -Şaff (61), 6

Wir wollen uns hier wegen Vers 6 aus Sure Aş -Şaff mit diesem Thema beschäftigen, denn oft wird sie auf folgende Stellen im Indschil bezogen: Johannes 14,15.26; 15,25 sowie 16,7.12. Wir möchten sie uns im Folgenden genau anschauen.

Lesen wir im Johannes-Evangelium, besonders die Kapitel 14 bis 16, so finden wir viele Aussagen, in denen Jesus darauf hinweist, dass nach ihm noch eine Person kommen wird. Er nennt ihn “Parakletos”1 und “Heiliger Geist”2 und “Geist der Wahrheit”.

Wer ist nun der, den Jesus ankündigt?

Jesus spricht:

Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Gebote halten; und ich werde den Vater3 bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht, noch ihn kennt. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch. (Johannes 14,15-18)

Aus diesen Versen sehen wir, dass der, den Jesus ankündigt, zwar wohl eine Person ist, denn er nennt ihn “anderen Beistand”, dass diese Person aber dennoch kein Mensch ist:

“[…] dass er bei euch sei in Ewigkeit“ (Ein Mensch lebt nicht ewig auf Erden!),

“[…] Geist der Wahrheit” (Einen Menschen bezeichnet man üblicherweise nicht als Geist!),

“[…] den die Welt nicht empfangen kann […]” (Wie sollte man das auf einen Menschen bezogen verstehen?), “[…] weil sie ihn nicht sieht noch ihn kennt” (Ein Mensch ist sichtbar!),

“[…] denn er bleibt bei euch und wird in euch sein” (Dies ist unmöglich auf einen Menschen zu beziehen, denn ein Mensch kann nicht in anderen Menschen sein!).

Jesus spricht weiter:

Das habe ich zu euch geredet, während ich bei euch weile. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Johannes 14, 25-26)

Die Aufgabe dessen, den Jesus ankündigt, ist, die Jünger4 zu lehren und an alles zu erinnern, was Jesus ihnen gesagt hatte. Dies geschah auch 10 Tage, nachdem Jesus die Erde verließ – jetzt ist Jesus bei Gott. Weiter unten gehen wir genauer darauf ein.

Lesen wir weiter im Johannesevangelium, finden wir die nächsten Hinweise in folgenden Stellen:

Wenn der Beistand, gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so wird der von mir zeugen. Aber auch ihr zeugt, weil ihr von Anfang an bei mir seid. (Johannes 15,26-27)

Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat, und niemand von euch fragt mich: Wohin gehst du?, sondern weil ich dies zu euch geredet habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, dass ich weggehe, denn wenn ich nicht gehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden. Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von der Sünde aber, weil sie nicht an mich glauben; von Gerechtigkeit aber, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; von Gericht aber, weil der Fürst dieser Welt5 gerichtet ist. Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum sagte ich, dass er von dem Meinen nimmt und euch verkündigen wird. (Johannes 16,5-15)

Was die Aufgabe des Beistandes, des Parakleten, betrifft, geben auch diese eben zitierten Verse Aufschluss:

15,27: “[…] er wird von mir zeugen.”

16,8-10: “[…] er überführt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht.”

Sünde, Gerechtigkeit und Gericht stehen im Zusammenhang mit Jesus:

Der Parakletos soll aufzeigen, dass es Sünde ist, an Jesus nicht (richtig) zu glauben, dass es Gerechtigkeit vor Gott ist, dass Jesus nicht weiter auf der Erde bleibt und dass Jesus den Teufel besiegt hat. Die Aufgabe des Parakleten besteht also im Hinweisen auf Jesus, den Messias (‘Īsā al-Masih)

16, 13: “[…] der Geist der Wahrheit […] wird in die ganze Wahrheit leiten.”

Kann man das anders verstehen, als dass Gott die Gläubigen durch diesen Parakleten führen will?

Jesus offenbarte viel über Gottes liebendes Wesen. Wir erfahren aus den Worten Jesu, dass Gott uns, seine Geschöpfe, sehr liebt und uns nahe sein möchte. Er möchte uns führen6. Gott sieht, dass wir seine Hilfe brauchen und er will uns nicht wie irrende Schafe ohne Hirten lassen (das steht ausführlicher im Indschil, im 10. Kapitel des Johannes7).

Sogar bereits im so genannten Alten Testament – Thora (Taurāt), Psalmen (Zabūr) und Propheten (Nabiyyūn) – finden wir Prophetien darüber, dass Gott in späterer Zeit sein Volk anders – direkter – lehren, anleiten, führen wird. Also, nicht nur durch die Gabe von Gesetzen oder das Senden von Propheten, sondern Gott sagte durch seinen Propheten Ezechiel (Nabiyy Du-l-Kifl):

Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut. (Ezechiel 36, 26-27)

Gott hat schon damals die Menschen wissen lassen, dass eine Zeit kommt, in der nicht nur einzelne Propheten oder religiöse Lehrer den Willen Gottes eindeutig erkennen können, sondern dass Gott seinen Willen jedem Gläubigen zu erkennen gibt. (Wir bezeichnen nicht die als Gläubige, die religiöse Traditionen pflegen, sondern denen das wichtigste im Leben die tatsächliche Gottesverehrung ist.)

Gottes Geist zu haben bedeutet also:

Durch Gottes Wirken ist diesen Menschen das Gute (der gute Wille Gottes) im Innern ganz nah, sie tun deshalb (aus innerer Motivation) ganz selbstverständlich das Gute, sie lassen sich von Gottes Willen leiten.

Als der Prophet Johannes der Täufer (Yahyā) seinen Zuhörern sagte:

Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, dessen Sandalen zu tragen ich nicht würdig bin; er wird euch mit Heiligem Geist und Feuer taufen; seine Worfschaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. (Matthäus 3,11-12)

so verstanden sie: Johannes kündet das baldige Kommen des Messias (‘Īsā al-Masih) an. Dieser ist es, der Gericht hält und durch den tiefere Gotteserkenntnis und ein Leben im Gehorsam möglich wird. Mit Heiligem Geist taufen bedeutet, mit gottgemäßem Verständnis ausgerüstet zu werden, von Gott zu gottverehrendem (geistlichem) Verständnis angeleitet zu werden.

Aus dem Bericht des Lukas – genannt Apostelgeschichte, sie ist der 5.Teil des Indschil – erfahren wir:

Und als er mit ihnen versammelt war, befahl er ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten – die ihr, [sagte er], von mir gehört habt; denn Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geist getauft werden nach nicht mehr vielen Tagen […] (Apostelgeschichte 1,4-5)

Zehn Tage nachdem Jesus dies gesagt hatte traf es ein …

Gottesfürchtige Männer verschiedener Nationen waren gerade in Jerusalem wegen des jüdischen “Festes der Wochen” zusammengekommen. In der Apostelgeschichte im 2. Kapitel ist dieses Wunder beschrieben. Der Parakletos bewirkte, dass sie einander verstehen konnten. Jesu Botschaft war es, dass alle Gottergebenen nach Einheit suchen und in tiefer Einheit leben als ein geistliches Volk Gottes, als eine Ummah.

Der Parakletos, der Heilige Geist, ließ sie erkennen, dass Jesus als geistlicher Messias verstanden sein wollte und derselbe Heilige Geist war es auch, der in den Gläubigen die Liebe zueinander bewirkte. Niemand sagte es ihnen, dass sie ihre Güter teilen und sich täglich treffen sollten. Doch das gemeinsame Interesse an der Wahrheit – und das gemeinsame nun geistliche Verständnis vom Reich Gottes und seines Messias Jesus war das Werk des Parakleten, den Jesus auch den Geist der Wahrheit nannte. Sie forschten täglich in den Schriften und waren aneinander interessiert. So auch noch heute …

Wichtig ist noch, dass die angekündigte “Geistausgießung” sich nicht auf die Juden beschränkt. Bereits im Alten Testament gibt es Stellen, dass nicht nur die Juden Gottes Willen erkennen können, sondern auch Heiden, die sich vom Götzendienst abwenden, zu Gottes Volk gehören.

Ebenso zeigte Jesus deutlich seinen Zeitgenossen auf, dass Gott allen helfen will, aber nur denen helfen kann, die sich ihrer Sünden oder Abhängigkeit von Gott bewusst sind, jedoch nicht den Selbstgerechten (die denken, sie brauchen keine Hilfe von Gott). Gott will allen Menschen helfen – er will eines jeden Menschen Gott sein, er will jeden Menschen lehren.

Jesus selbst konnte nur zu einer bestimmten Anzahl von Menschen sprechen, deshalb sagte er, dass es nützlich ist, dass er geht. Denn er wird den Parakletos senden, der einem jeden Menschen, der das will, hilft, ein von Gott Gelehrter zu sein, ein Freund Gottes zu sein.

Gott zu verstehen, ist weder eine Sache der Intelligenz noch des Gefühls, sondern aufrichtiger Motive.

Aus all dem ergibt sich, dass sich Sure Aş -Şaff (61), 6 nicht auf die oben erwähnten Stellen im Indschil beziehen kann. Der von Jesus verheißene Paraklet kann also nur der Heilige Geist sein, der Jesus als den Abschluss und Erfüller der göttlichen Offenbarung bestätigt.

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Fußnoten:
  1. Parakletos – warum wir diese Wiedergabe (und nicht Periklytos) als die korrekte sehen (es gibt sprachliche Gründe, die die Deutung als Periklytos unmöglich machen) werden wir auf Wunsch gern darlegen. Das griechische Wort Parakletos bedeutet auf Deutsch: Beistand, Fürsprecher, Helfer. 
  2. Heiliger Geist – wir Christen verstehen darunter nicht einfach eine göttliche Kraft, sondern “einen, der tröstet” und “Gottes unsichtbare Gegenwart” 
  3. Vater – damit drückt Jesus die enge innere Verbundenheit aus und meint keinesfalls eine Vaterschaft im sexuellen Sinn! 
  4. Jünger – anderes Wort für Schüler; es sind hier die 12 Männer gemeint, die mit Jesus zusammen waren, sie sahen ihn als ihren Lehrer und sind deshalb seine Schüler 
  5. Fürst dieser Welt – damit ist der Teufel (Iblīs) gemeint 
  6. führen – im Sinne von Weisung geben, anleiten, Gedanken geben; kein marionettenhaftes Führen 
  7. Johannes 10,1 – 42 (Falls du keine Möglichkeit hast, den Text in der Bibel nachzulesen, schreib’ uns bitte